Haarausfall

Haarausfall ist nicht gleich Haarausfall, je nach Ursache für den Haarverlust unterscheidet man verschiedene Formen, die wichtigsten werden hier abgehandelt. Da es ein sprichwörtliches „Haarwuchsmittel“, das für alle Formen des Haarverlusts geeignet ist, nicht gibt, beginnt die ärztliche Behandlung des Haarausfalls grundsätzlich mit der Suche nach möglichen Ursachen. Manchmal ergibt sich bereits aus einem kurzen Gespräch mit dem Betroffenen das mögliche auslösende Agens und damit die Lösung des Problems:

Kreisrunder Haarausfall (Alopecia areata)

Klinik: kreisrunde singuläre oder multiple ev. auch konfluierende blande haarlose Areale an behaarter Haut (v.a. Capillitium, Bartbereich, manchmal auch Augenbrauen), bis zu Alopecia universalis=Verlust der gesamten Körperbehaarung. Vorkommen: v.a. bei Kindern und Jugendlichen aber auch im Erwachsenenalter, oft bei Atopikern
Mögliche Ursachen: Atopische Disposition, psychische Alterationen, Streß (z.B. Schulwechsel, kranke Oma, Verlust des Haustiers etc.), postinfektiös, idiopathisch.
Sinnvolle Erst-Behandlung: ev. Multivitaminpräparate, Observanz.
Dermatologische Behandlungsmöglichkeiten: Glucocorticoide topisch oder systemisch, Immunmodulation (z.B. DPC-Pinselung wird in Österreich nur an der Grazer Hautklinik durchgeführt), ev. Durchuntersuchung (Focus?).
Prognose: teils Spontanremission (cave: erste Haare sind weiß), teils chronisch
Behandlungsziel: Induktion der Remission

Diffuser Haarausfall (Alopecia diffusa)

Klinik: kaum bis stark auffällige Lichtung im Parietalbereich („schütter“)
Vorkommen: bei jedem möglich, eher im Erwachsenenalter, Frauen häufiger
Mögliche Ursachen: psychogen, Streß, nach Gewichtsverlust (z.B. nach übertriebenen Reduktions-oder gar Null-Diäten, Resorptionsstörungen i. R. gastrointestinaler Erkrankungen, einseitige Ernährung), 3-4 Monate post partum, Chemotherapie, Schwangerschaft, Schilddrüsenerkrankunge, Diabetes mellitus, hormonelle Schwankungen, PCO-Syndrom, familiäre Disposition, Anämie, Eisenmangel, Entzündungen der Kopfhaut (z.B. Seborrhoische dermatitis an der Kopfhaut mit starker Schuppung und Rötung, Psoriasis)
Sinnvolle Erst-Behandlung: innerlich: Pantogar (Aminosäuren), Gelacet (Gelatine), Biotin-Präparate (Vitamin H); äusserlich: ev. Aminexil oder Minoxidil 2%ig
Dermatologische Behandlungsmöglichkeiten: Durchuntersuchung wichtig, Behandlung einer möglichen Grundkrankheit ist auch Behandlung des Haarausfalls! (Manchmal psychologisch/psychiatrische Behandlung sinnvoll).
Prognose: variabel je nach Causalität
Behandlungsziel: Stopp des Haarausfalls

Androgenetischer Haarausfall (Alopecia androgenetica)

Klinik: männlicher Typ: Geheimratsecken, Tonsur, vollständige Glatze; weiblicher Typ: schwache bis sehr ausgeprägte Lichtung parietal, vorderer Haaransatz erhalten, selten vollkommen kahl
Vorkommen: bei Männern ab 18. Lj., zwei Altersperioden besonders betroffen: 18.-25.Lj. und 35.-45.Lj.; bei Frauen oft assoziiert mit: hormoneller Dysregulation, PCO-Syndrom, Adipositas, Präklimakterium.
Mögliche Ursachen: durch genetisch vorbestimmte, individuell verschieden hohe Sensibilität der Haarwurzeln gegenüber vorhandenen Androgenen (Hormonwerte praktisch immer im Normbereich), oft: familiäre Disposition.
Sinnvolle Erst-Behandlung und Prophylaxe gegen weiteren Haarausfall: Minoxidil 2%ig 2xtgl. äußerlich über Monate bis Jahre (vor allem in den akuten Schüben) oder Aminexil.
Dermatologische Behandlungsmöglichkeiten und Prophylaxe gegen weiteren Haarausfall: Minoxidil 5%ig 2x tgl. topisch, Aminexil topisch; Finasterid 1mg 1x1 p.os über Monate bis Jahre besonders während der akut-Phasen (bei Frauen unwirksam), topische Hormonzubereitungen in ihrer Wirkung umstritten; bei Frauen: ev. systemisch Antiandrogene, z.B. Androdiane (Cyproteronacetat)
Prognose: chronisch
Behandlungsziel: Erhaltung der vorhandenen Haare

Vernarbende Alopezie (Alopecia cicatricia)

Klinik: glatte narbige Kopfhautveränderung, ev. randständig sog. Büschelhaare, in der Akutphase erythematös
Vorkommen: in jedem Lebensalter möglich, relativ selten
Mögliche Ursachen: Autoimmunologisch (Lupus erythematodes, Lichen planopilaris, Broque´sche Pseudopelade), posttraumatisch (physikalisch, chemisch, Verbrennung, idiopathisch.
Diagnosesicherung: Histologie.
Sinnvolle Erst-Behandlung: keine
Dermatologische Behandlungsmöglichkeiten: Kortikosteroide topisch oder systemisch, autoimmunologische Abklärung, ev.Kombi antibiotisch+Kotison
Prognose: meist chronisch, irreversibel
Behandlungsziel: Stopp des Entzündungsprozesses

Behandlungs-Beispiele:

» Diffuser Haarausfall ca. 3 Monate nach Geburt: durchaus „normale“ Reaktion der Haarwurzeln auf Sinken des Östrogenspiegels bei Partus → keine Behandlung erforderlich!
» Diffuser Haarausfall nach großem Gewichtsverlust in kurzer Zeit (z.B. „Hungerkur“): normale Reaktion → keine Behandlung, ev. roborierende Maßnahmen (Vitamine, Gelatine, Minoxidil, Aminexil).
» Kreisrunder Haarausfall bei Kind (z.B. nach Ableben des Lieblingshaustiers): keine Behandlung erforderlich, ev. Psychotherapie; bei längerem Bestehen der Alopezie Dermatologen aufsuchen; falls Schüppchen → susp. Pilzinfektion, sofort zum Facharzt!!
» Geheimratsecken bei 20-jährigem Mann (Vater hat Glatze): keine krankhafte Veränderung sondern „Normvariante“ → keine Behandlung nötig, bei Therapiewunsch Minoxidil, Aminexil, Finasterid. 

Quelle: Univ. Prof. Dr. Daisy Kopera, Universitätsklinik für Dermatologie, Graz (Apothekertagung Saalfelden 2005).