Folsäure

Was ist Folsäure?

Die Folsäure, auch Vitamin B9 (Deutschland, USA), Vitamin B11 (weltweit) oder Pteroylglutamat genannt, ist ein hitze- und lichtempfindliches, wasserlösliches Vitamin aus dem B-Komplex.und kommt in allen lebenden Zellen, besonders in dunkelgrünen Blattgemüsen, Karotten, Leber, Eigelb sowie in Marillen, Avocados, Bohnen, Kürbis und Roggenmehl in Weizenkeimen, grünen Bohnen, Spinat und Kartoffeln vor.

Die Folsäure besteht aus den Grundbausteinen Pteridin, Paraaminobenzoesäure (PABA) und Glutaminsäure. Bakterien, so auch die Darmbakterien, können aus PABA Folsäure synthetisieren. In den Zellen wird Folsäure zur Nucleinsäuresynthese (Purin, Thymidin) und zur Proteinsynthese benötigt. Folsäure wirkt bei der Bildung von Blutkörperchen und Schleimhautzellen mit, außerdem hilft sie beim Abbau der Säure Homocystein, welche für das Herz-Kreislauf-System schädlich sein kann, und beim DNA-Stoffwechsel.
Der Name Folsäure stammt vom lateinischen Begriff folium (= Blatt), in Anlehnung an die Spinatblätter, aus denen dieses Vitamin erstmals 1941 von Roger John Williams (1893 - 1978), Herschel Kenworthy Mitchell (1913 - 2000) und Esmond E. Snell (1914 - 2003) isoliert wurde. 

Die Totalsynthese glückte erstmals 1946 Robert Crane Angier und Mitarbeitern. Der gegenwärtige Weltmarkt für Folsäure beträgt etwa 400 t/Jahr. Der Hauptanteil (ca. 80%) wird für die Futteranreicherung in der Tiernahrung verwendet. Die pharmazeutische Industrie bietet Folsäure für eine therapeutische oder eine prophylaktische Verwendung an, jeweils als Einzelpräparat oder in Kombination mit Eisen und/oder mit anderen Vitaminen. Folsäure wird zunehmend zur Lebensmittelanreicherung verwendet .


Reine Folsäure existiert in der Natur nicht. Mehr als die Hälfte der Folsäure-Verbindungen liegen in Form von Polyglutamaten vor, diese müssen bei der Verdauung erst abgespalten werden, während Monoglutamate als so genannte „freie“ Folsäure vom Darm leichter aufgenommen werden.
Die Bioverfügbarkeit von Nahrungsfolaten liegt daher nur bei etwa 50-70%, während die der Nahrung (z.B. in Müsli, Salz und Mehl) zugesetzte synthetische Folsäure eine Bioverfügbarkeit von bis zu 95%, Folsäure in Tablettenform sogar fast bis zu 100% besitzt.

Der gesunde Erwachsene hat etwa 15 mg Folsäure, hauptsächlich in der Leber, gespeichert. Der tägliche Bedarf liegt bei 0,4 mg. Im Normalfall, bei gesunder Ernährung, reicht die mit der Nahrung aufgenommene Menge an Folsäure aus (siehe Tabelle). Ein geringer Teil des Bedarfs wird auch durch die Synthese symbiotischer Darmbakterien gedeckt, der teilweise bereits in der reduzierten Form als THF vorliegt und so vom Organismus nicht mehr in diese stoffwechselwirksame Form umgewandelt werden muss.

Tabelle: Folsäuregehalt einiger ausgewählter Lebensmittel (nach GU-Nährwerttabelle 2000/01)

LebensmittelFolsäuregehalt (µg/100g)
Milch5
Camembert (45% Fett i.T.)44
Gouda (40% Fett i.T.)21
Bäckerhefe (gepresst)716
Bierhefe (getrocknet)3200
Hühnerei67
Hering5
Scholle11
Rind (Muskelfleisch ohne Fett)3
Rindleber592
Roggen (ganzes Korn)143
Weizen (ganzes Korn)87
Weizenkeime520
Weißbrot15
Feldsalat145
Spinat (frisch)145
Sojabohnen240
Kichererbsen340
Apfelsine42
Erdbeere65
Weintrauben43

Eine mangelnde Versorgung mit Folsäure kann viele Ursachen haben:

eine ungenügende Zufuhr, Resorptionsstörungen, einen erhöhten Bedarf, Wechselwirkungen mit Medikamenten (Folsäure-Antagonisten wie z.B. Methotrexat® und Trimethoprim) und angeborene Stoffwechselerkrankungen. Besonders ältere Menschen, Frauen und Kinder sind betroffen. Schließlich lässt sich noch ein hoher Alkoholkonsum anführen, bei dem es zu einem zunehmenden Ersatz von normaler Nahrung durch „leere“ Alkoholkalorien kommt (betrifft häufiger Wein- und Schnapstrinker, da die Bier reich an Folsäure ist). Der Folsäuremangel macht sich zunächst mit unspezifischen Symptomen wie Konzentrationsschwäche und depressiver Verstimmung bemerkbar. Da das Vitamin hauptsächlich für die Bildung von Schleimhäuten und Blutkörperchen verantwortlich ist, zeigen sich auch hier - allerdings erst nach mehreren Wochen - Mangelerscheinungen. Schleimhautschäden oder Wunden heilen langsamer.

Wenn ein erhöhter Bedarf besteht, sollten zusätzliche Folsäuregaben in Form von Tabletten eingenommen werden, bei Überdosierung (ab Dosen von ca.15 mg) können allergische Reaktionen, Störungen im Magen-Darm-Bereich oder Schlaflosigkeit und Nervosität auftreten. Die wichtigste, ernsthafte Nebenwirkung, die beim Menschen durch hohe Dosen von Folsäure auftreten kann, ist die Maskierung eines Vitamin B12-Mangels, da Folsäure das Auftreten von veränderten Blutkörperchen, die die ersten Anzeichen eines Vitamin B12-Mangels darstellen, verhindert und dieser daher erst zu einem Zeitpunkt entdeckt wird, an dem der Körper bereits ernsthaft geschädigt ist.

Neuralrohrdefekte: Folsäuregaben zur Vorsorge

Neuralrohrdefekte (Spina bifida und Anencephalie) gehören zu den häufigsten kindlichen Mißbildungen (ca. 1 - 2 auf 1.000 Geburten). Bei der Entstehung dieser Entwicklungsstörung spielen genetische Faktoren eine bedeutende Rolle, ihre Häufigkeit wird jedoch auch durch äußere Faktoren beeinflusst. Hier kommt der Folsäure große Bedeutung zu. In verschiedenen Studien konnten mit Folatgaben mehr als die Hälfte bis alle Neuralrohrdefekte verhütet werden. In einer Studie (SCOTT, J et al.: The role of folate in the prevention of neural-tubedefects. Proceedings of the Nutrition Society 1994 / 53 / S.631-636) konnte nachgewiesen werden, dass die meisten Fälle von Neuralrohrdefekten nicht auf einen Mangel, sondern auf einen Defekt im Folatstoffwechsel zurückzuführen ist.

Aufgrund der besonderen Bedeutung einer ausreichenden perikonzeptionellen Versorgung mit Folsäure ermächtigte die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) im März 1996 zur Anreicherung von Getreideprodukten, und seit Januar 1998 ist diese für Folsäure in den USA verbindlich. Das präparierte Mehl enthält etwa 1,4 mg Folsäure/kg und erhöhte die tägliche Aufnahme pro Person um schätzungsweise 0,1 bis 0,2 mg/Tag. Auch in Kanada und in Ungarn erfolgt eine Anreicherung von Mehl mit Folsäure.